
Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen fallen warm durchs Bürofenster als Leon, nach einem angedeuteten Anklopfen mit Schwung die Tür, die ein unüberhörbares Knarren von sich gibt, seit Jahren bitten ihre Angeln bei jedem Öffnen und Schließen um einen, winzig kleinen wenigstens, Tropfen Öl, öffnet.
"Ich fahr auf den Hang zum Fliegen. Kannst mich zwei Stunden entbehren?"
Ein jungenhaftes Lächeln huscht über sein leicht gerötetes Gesicht.
Seit seiner frühesten Jugend ist er begeisterter Modellflieger. Dem sorgfältigen Bauen von Segelfliegern nach selbstgezeichneten Plänen gehört seine Liebe. Ausdauernd schneidet, klebt, sprüht, testet er in seinem "Hobbyraum" mit wechselnden Intervallen. Eine zeitlang täglich, dann wieder wochenlang gar nicht.
"Servus Leon! Ja! Recht hast! Entfällt dein Nachmittagsunterricht? "
"Nein! Bis 14 Uhr bin ich längst zurück. Mein Segelflieger liegt bereits im Auto. Die warme Jacke auch!
Leon´s Bronchien sind leicht beleidigt, neigen zum Problememachen bei kalter Luft, zu leichter Kleidung, ähnlich der Prima Ballerina im Ballettensemble.
"Na dann, lass dich nicht aufhalten!"
"Soll ich nicht?"
"Doch, doch fahr nur!"
Das "Pass auf dich auf, sei vorsichtig, der Hang ist nass, vielleicht rutschig!" schluck ich hinunter, will nicht wie die besorgte Mutter klingen, die ihren verwöhnten Sohn zur Vorsicht mahnt.
Mein Blick fällt, wie ohne Absicht, dachte ich, kontrollierend auf seine Schuhe.
" Sie sind fest, mit dicker Sohle!"
In Leon´s Stimme liegt ein verhohlenes Lachen. Mit einer kurzen Handbewegung wischt er mein Haar beiseite, drückt mir einen Schmatz auf die Wange:
"Wir treffen uns beim Italiener um Zwei! Die frische Luft macht bekanntlich hungrig. Brauchst nicht kochen! Tschüss mein Schatz! Bis später! "
Die Tür fällt mit ihrem Knarren ins Schloss, als er, wie der Wirbelwind, mich und mein Büro hinter sich lassend, seinem Hang entgegenstürmt.
Es läuft schnell, unser Leben. Es beschäftigt uns intensiv mit Arbeit, Sorgen, Freuden, Diskussionen, Streit, Versöhnung, Liebe und all dem Kleinkram; genannt "Alltag".
Seit Wochen gönnt sich Leon keine "Abkühlphase". Sein Motor läuft am Limit. Seine ungesund gerötete Gesichtfarbe, sein müder Blick, die innere Anspannung, von ihm ignoriert, die Hitze erzeugt,seine Körpertemperatur erhöht,ihn zum Pulloverausziehen, zum Ärmelaufkrempeln zwingt, sind mir Beweis genug.
Die Geschwindigkeit, das Tempo, die Anforderungen unseres, seines Lebens haben begonnen ihn zu erschöpfen. Ich mach mir Sorgen um ihn. Meine "mahnenden" Worte, sich nicht so viel aufzuladen, treffen auf taube Ohren. Mein Bemühen um "Entschleunigung" geht ins Leere.
Die Sätze:
Lass dir Zeit! Genieße die sonnige Mittagszeit!
Egal wann du wieder da bist!
Ich werd´da sein! Ich warte gerne!
Bleiben unausgesprochen in meinem Kopf hängen, belasten meine Arbeit, meine Gedanken für die restliche Zeit, bis ich meine Handtasche nehme, um mich zufuß auf den Weg zum Italiener zu machen.
Mehr als eine Stunde bleiben mir zum "Vertrödeln"zum Shoppen, zum "In-der-Sonne-schlendern", doch die Muse zur Entspannung fehlt mir auf eine unerklärliche Weise. Unruhe beginnt sich in mir breitzumachen. Ich kehre um, steige in mein Auto und fahre nachhause. Nein, Leon´s Auto steht noch nicht in der Auffahrt. Warum auch? Wir treffen uns erst in einer Stunde außer Haus. Die Gewissheit, dass Leon nicht zuhause ist, verbessert meinen "Zustand" nicht, im Gegenteil! Angstgefühle durchfluten meinen Körper, lassen ihn zittern, Halt suchen. Ich lehne mich an die Hausmauer, versuche einen klaren Gedanken zu fassen, nicht " außer Kontrolle " zu geraten. Ich spüre es deutlich! LEON ist verzweifelt, "In Not'", es geht ihm nicht gut. Mein Verstand schaltet sich endlich ein, gebietet mir Ruhe zu bewahren, tätig zu werden! Das Handy! Meine Handtasche ist mir aus den Händen gerutscht, sie liegt am Boden, von mir unbemerkt. Lange läutet es! Bitte, bitte heb ab! Nein, die Mailbox will ich nicht sprechen! Nach 5 oder 6 sinnlosen Versuchen Leon zu erreichen, will die Verzweiflung meiner Herr werden, wollen die Tränen hervorbrechen.
"Nein! Es ist ihm nichts passiert! Du bildest dir alles ein!": Versucht mein Verstand mich zu beruhigen!
"Oh doch! Ich spür´s genau!": Hält meine Seele dagegen.
Jetzt mach dich nicht verrückt! Leon hätte versucht dir Bescheid zu geben!
Das unnütze Handy noch in den Händen haltend, höre ich Leon´s Auto in der Ferne. Verdächtig langsam rollt es zur Auffahrt. Leon sitzt leichenblass, verkrümmt am Lenkrad.
Mein Körper entspannt und strafft sich in einem Moment.
"Leon!!!!"
Das Auto rollt noch, als ich die Tür aufreisse!
"Ich hab mich verletzt! Ich denke die Achillessehne ist ab- oder eingerissen! Der Weg wollte kein Ende nehmen. Kann kaum das Gaspedal bedienen! Es schmerzt höllisch."
"Warum rufst nicht an!?
"Mein Handy liegt im Konferenzzimmer!"
Zwei Stunden, einen schmerzhaften Ambulanzbesuch, eine Magnetresonazuntersuchung, einen Spaltgips, mit der Diagnose "Achillessehnenruptur" später, liegt Leon erschöpt, noch immer leichenblass im Wohnzimmer, neben ihm, Krücken.
"Wie soll ich das schaffen? 6 Wochen lang einen Gipsfuß, den ich nicht belasten darf? Das halt ich nicht durch! Bin ein Pflegefall! "
"Oh doch, du wirst! Ich hol´ den Rollstuhl vom Dachboden! "
Sohn Nr. 2 hatte im Vorjahr eine Knieoperation. Wochenlang fuhr er im Rollstuhl, der 29 Jahre zuvor seiner Großmutter ein bisschen Unabhängigkeit garantierte, durchs Haus.
Als ich den Rollstuhl im Wohnzimmer aufklappe, wird mir die Tragweite des Geschehens erst bewusst.
Leon´s Seele hat eine Vollbremsung gemacht, hat unser aller Leben "verlangsamt", zwingt Leon in die Position des Abhängigen, des Bedürftigen, gibt denen, die ihn lieben die Gelegenheit vieler, vieler Liebesbeweise.
So gesehen.......!!!!