
TAUSENDE WASSERTROPFEN fallen warm, fast zärtlich auf Kopf und Schultern, perlen meinen Körper entlang, lassen mich meine Gelenke dehnen und strecken. Ein entspannter, wunderbarer Sonntagmorgen kündigt sich, wie erwartet, an. Der Duft des Duschgels erfüllt das Badezimmer mit Frische und Lebensgeistern.
40 Jahre bin ich heute mit Leon verheiratet.
Unglaubliche 40 Jahre sind seit unserem Ehegelöbnis: In guten wie in schlechten Tagen... vergangen.
Leon schläft eingeringelt in seine Decke, den Polster umarmend, das Gesicht in ihm vergraben, die immer noch blonden Haare verwurschtelt, zuberge stehend, unschuldig wie ein Baby tief und fest. Auf leisen Sohlen, um seinen morgentlichen Schlaf nicht zu stören, hab ich mich aus unserem Schlafzimmer geschlichen um mich ausgiebig zu duschen, die Zeitungen zu holen, mehre Tassen Kaffee zu trinken, diesen Sonntag, wie jeden Sonntag, langsam zu beginnen.
Leon ist im Gegensatz zu mir, ein Langschläfer. Zu Beginn unserer Ehe geriet dieser Umstand immer wieder zum Zankapfel.
Ein glückliches Ehepaar MUSS doch gemeinsam sein Sonntagsfrühstück einnehmen!
Leon quälte sich jahrelang frühmorgens aus dem Bett um mit mir missmutig, wortkarg am Frühstückstisch zu sitzen.
Kein besonders gelungener Start in den freien Tag.
Längst hat sich mir der Genuss des morgentlichen Alleinseins mit späterem gemeinsamen 2. Frühstück erschlossen.
Im Laufe unserer langen Ehe gingen einige von unseren Eltern oder gar von der Gesellschaft übernommenen "Grundregeln" über Bord. Wir schufen uns unsere eigenen Regeln, Grundsätze, Normen, Verhaltensweisen, kümmerten uns nicht um Getratsche oder Kopfschütteln.
Das Haarshampoo zwingt mich meine Augen zu schließen, mir das Wasser übers Gesicht rinnen zu lassen. Als ich meine Augen wieder öffne, lächeln mir zwei blaue Augen, eine wohlbekannte, markante Nase und ein sehr sinnlicher, voller Mund spitzbübisch, als freuten sie sich des Lebens weil ein Streich gelingen will,strahlend entgegen. Die nur einen Spalt geöffnete Duschtür, gibt allein Leon´s Gesicht frei.
" Ich bin´s, dein Frühaufsteher! Darf ich eintreten?"
Meine Antwort erst gar nicht abwartend, öffnet er die Tür vollständig, schlüpft behende wie eh und je, zu mir unter den Wasserstrahl, die Tür wieder hinter sich schließend.
"Kann einen Diener wohl brauchen!"
Seine Arme umfassen mich, streichen mit Schwung mein Haar zurück, um mir den Blick auf sich und seinen Körper freizugeben.
"Guten Morgen mein Engel. Gerne stehe ich zu Diensten!"
"Ja ! Ich spür und sehe deine Dienste!"
Wange an Wange, Körper an Körper, eng umschlungen, Herz an Herz stehen wir in der kleinen Dusche, tausende Wassertropfen fließen unbeirrt, jetzt über zwei Körper, die doch nur einer sind.
"Ich bin verliebt in dich! Vierzig Jahre vermochten das nicht zu ändern!" flüstert Leon in mein Ohr.
"Ich weiß! Ich auch!"
Ich schmiege mich noch enger an seinen warmen, vielversprechenden Körper.
Vierzig weiße Rosen stehen am Frühstückstisch als ich mich setze.